Taxi Driving Innovation: Denkanstöße aus der Branche

26. September, Berlin, Potsdamer Platz. Taxi Driving Innovation heißt die Veranstaltung, bei der es um die Zukunft der Mobilität geht. Denn die Welt der Mobilität ist im Wandel und die Taxi- und Mietwagenbranche ist mittendrin. Es ist unsere gemeinsame Aufgabe, den Wandel der Mobilität zu gestalten.

Bis auf den letzten Platz ist die Veranstaltung ausgebucht, das neue Veranstaltungsformat und die Themenbreite haben Teilnehmer aus Politik, Verwaltung, Wirtschaft und der Verkehrsbranche aus der ganzen Republik angelockt. Neben Taxi- und Mietwagenunternehmen waren auffällig viele Startups und Dienstleister aus dem Verkehrssektor vertreten.

Der Aufgabe des Mobilitätswandels stellen wir uns, hatte Michael Müller, Präsident des Bundesverbandes, geschrieben. Auf dem Podium wird später Unions-Verkehrspolitiker Michael Donth anmerken, dass man in den letzten Jahren Beachtliches aus der Taxibranche gehört habe. Verlässlich ist modern, die Kampagne, mit der das Gewerbe seine Stärken unterstreicht, sei nur ein Beleg dafür.

 
Filmrückblick: TAXI DRIVING INNOVATION am 26.09.2019 in Berlin (Youtube)

 
Rückkehrpflicht in der Diskussion

Die Rückkehrpflicht für Mietwagen war das übergreifende Thema in der Podiumsdiskussion mit den Verkehrspolitikern des Bundestages. „Die ersatzlose Streichung der Rückkehrpflicht, wie sie einst angedacht war, ist vom Tisch“, berichtete Kirsten Lühmann (MdB, SPD) aus der vom BMVI eingestzten Findungskommission. „Es ist richtig, der Minister hat gesagt, dass sein Vorschlag `kompletter Wegfall´ keine Mehrheit finden wird. Jetzt müssen wir aber für eine andere Lösung auch eine Lösung finden“. Dabei wabern drei Denkansätze durch den Raum:

Option 1: „Die Rückkehrpflicht für auftragslose Mietwagen bleibt erhalten.“

Option 2: „Die Rückkehrpflicht für auftragslose Mietwagen bleibt erhalten. Die Kommune kann entscheiden, ob die Rückkehr auch zu festgelegten Betriebshöfen erfolgen kann.“

Option 3: „Die Rückkehrpflicht für auftragslose Mietwagen bleibt grundsätzlich erhalten, die Kommunen können jedoch Ausnahmen zulassen.“
 

Viele Bekenntnisse pro Rückkehrpflicht in der Politikerrunde, nur nicht von der FDP
Ebenfalls in der Findungskommission des Bundesverkehrsministeriums sitzt FDP-Politikerin Daniela Kluckert - und sie pocht darauf: „Es muss eine Möglichkeit geben, den Taxiunternehmen mehr Luft zu geben. Und auf der anderen Seite müssen wir deutschen Unternehmen die Möglichkeit geben, Unternehmen neu zu gründen. Und deswegen sollte die Rückkehrpflicht fallen.“

Mit dieser Argumentation war sie ziemlich allein, nicht nur auf dem Podium dieser Veranstaltung. Die Linken haben eine klare Meinung zu diesem Thema: „Wir wollen, dass an der Rückkehrpflicht festgehalten wird. Und die Rückkehrpflicht muss auch mit entsprechenden Ressourcen kontrolliert werden“, sagte Andreas Wagner (MdB, Die Linke). Ähnlich sehen es die Bündnisgrünen. Stefan Gelbhaar: „Wenn man die Rückkehrpflicht den Kommunen überlässt, ist das auch keine gute Entscheidung. Dann entscheidet Potsdam anders als Berlin. Dann fahren die Potsdamer Uber-Fahrer nach Berlin rein - das hat nicht Hand und Fuß!“.

Weitgehend einig sind sich die Verkehrspolitiker allerdings nach den Worten von Michael Donth (MdB, CDU/CSU-Fraktion) über die Kennzeichnungspflicht für Mietwagen. Wie die im Detail aussehen soll, ist noch offen. Denkbar sind farbige Nummernschilder oder entsprechende größere Markierungen, die die Zuordnung vereinfachen sollen. Donth plädierte auch für die Rückkehrpflicht, allerdings eher eine „Rückkehrpflicht light“. Es seien auch mehrere Betriebssitze denkbar, brachte der Unionspolitiker eine weitere Variante ins Spiel. Dies wurde allerdings besonders im Auditorium mit Kopfschütteln begleitet. „Dann fahren die Mietwagen auf der Jagd nach Kunden immer zwischen ihren Betriebssitzen hin und her. Das ist keine machbare Lösung“, hieß es dann.

Für den Bundesverband verwies Präsident Michael Müller auf die Erfahrungen aus den USA: „In den USA haben Uber und Co die Innenstädte mit Fahrzeugen quasi geflutet. Mehr Autos, mehr prekäre Beschäftigung, mehr Stau, noch schlechtere Luft, schlechtere Auslastung von Bussen und Bahnen. Diese Fehler müssen wir nicht wiederholen. Wenn sich Herr Scheuer für die bedingungslose Rückkehrpflicht entscheidet, werden es ihm Millionen Einwohner der großen deutschen Städte danken." Nächste Sitzung der Findungskommission ist übrigens am 1. November.

E-Mobilität - die Mobilitätswende ist machbar

Ursprünglich sollten im Jahr 2020 rund eine Million Elektroautos auf Deutschlands Straßen rollen. Bundeskanzlerin Angela Merkel hatte es so 2013 versprochen. Derzeit sind es 83.000, schwer vorstellbar, dass in den verbleibenden Monaten die Zahl noch erreicht wird, sagte Gregor Beiner, Geschäftsführer des Münchner Taxizentrums mtz. 


Unternehmer Gregor Beiner geht mit 10 Jaguar-E-Taxis voran: Mobilitätswende ist machbar!

Das Unternehmen selbst geht mit gutem Beispiel voran - und hat in seiner Flotte zehn elektrische Jaguar-Taxis. Angesichts der gigantischen Kilometer, die die Branche zurücklegt (im Jahr 2018 waren es 2.890.000.000 Personenkilometer - das entspricht 72.200 Erdumrundungen) sollten wir uns diese Zahlen immer vor Augen halten. „Aber das Taxigewerbe muss sich auch selbst an die Nase fassen“, sagte Beiner. Denn diese Leistungen bedeuten auch eine immense ökologische Verantwortung. Im Vergleich zu dem, was im Gesamtverkehr machbar ist, spielt die E-Mobilität eine noch zu kleine Rolle.

Zur Verkehrswende gehören auch E-Scooter, die wir seit diesem Jahr auf den Straßen haben. Und in Sigrid Nikutta, Chefin der hauptstädtischen Verkehrsgesellschaft BVG, hat die Taxibranche eine Verbündete, wenn es darum geht, die elektrischen Roller nicht auf Busspuren zuzulassen. Sie werde „massiv“ darum kämpfen, die Scooter von den Busspuren fernzuhalten, sagte die ganz in den BVG-Unternehmensfarben gekleidete Managerin: „Es ist total gefährlich und führt dazu, dass unsere Busse hinter den Rollern herfahren“.

Dafür erntete Frau Nikita Kopfschütteln im Publikum, als sie den BerlKönig in der Innenstadt verteidigte. Der Fahrdienst ist schon eine taxiähnliche Dienstleistung, der besser in den Außenbezirken aufgehoben sei, hieß es. Da laufen jetzt auch Tests, als BerlKönig BC - in Anlehnung an die Berliner Tarifgebiete.

„Wir sollten nicht mehr Anbieter in den Markt bringen und nicht ständig neue Piloten starten. Wir merken aktuell, dass das nur zu mehr Verkehr in den Städten führt“, konstatierte Michael Müller-Görner vom Verkehrsclub VCD. „Erst einmal sollten wir die vorhandenen Möglichkeiten nutzen und dann schauen, ob wir etwas addieren müssen.“ Die großen Busse für die großen Strecken, die Taxis für den Individualverkehr, so das klare Statement des Verkehrsexperten. „Taxiverkehr ist kommunaler Verkehr. Er wird derzeit kommunal organisiert und angeboten, oft in Genossenschaften“, betonte Herwig Kollar, Vorstand beim Bundesverband Taxi und Mietwagen e.V. Diese Infrastruktur werde für alle zur Verfügung gestellt, nicht nur für Smartphone-Besitzer. Politik müsse überlegen, ob sie solche Strukturen zerstören wolle, die die Öffentlichkeit nichts kosten. „Und sie muss auch überlegen, ob sie das zugunsten von Unternehmen tun will, die vor dem Europäischen Gerichtshof darüber diskutieren, ob sie in ihrem Impressum eine Telefonnummer für die Kontaktaufnahme angeben müssen!“

Mobilität „an jeder Milchkanne“ - wie sieht Mobilität auf dem Lande aus?

„Beim ÖPNV ist es wie beim Fußball“, sagte Heike Kopp vom Nahverkehrsamt Rottweil. „Die einen sehen nur die vollen Busse. Die anderen sehen nur die leeren Busse“. Die älteste Stadt Baden-Württembergs gilt als Musterbeispiel, wie sich - mit Hilfe von Taxis - auch auf dem Land Mobilität so organisieren lässt, dass das eigene Auto überflüssig wird. Zu den Hauptverkehrszeiten sind die Busse voll, in den Randzeiten eher leer. Die Lösung: Das Taxi, hier muss auch bei der Novellierung des Personenbeförderungsgesetzes berücksichtigt werden. „Wir haben die Aufgabe, den ländlichen Raum attraktiv zu halten“. Das geschieht auch über den ÖPNV. Wenn aber ein Gebiet nur zu 13 Prozent besiedelt ist, dann ist ein durchgängiges Netz schlichtweg zu teuer. „Aber wir haben das Ziel, einen Stundentakt anzubieten. Das geht über den Anrufbus“.

Der fährt immer dann zum Haustarif, wenn kein Linienverkehr vorhanden ist. Der Haustarif orientiert sich am ÖPNV, zusätzlich wird ein kleiner Aufschlag von zwei bis vier Euro erhoben. Die Disposition übernimmt die O-Ton-Zentrale in Dortmund, den Fahrdienst erbringt mit Taxi Ehret ein Taxiunternehmen. „Der Disponent nimmt die Aufträge an und übermittelt sie an den Fahrer. Es werden nur die Haltestellen angefahren, die tatsächlich nachgefragt werden. Da sind auch die Kilometer hinterlegt. Am Ende des Monats muss nur ein Knopf für den Ausdruck der Rechnungen betätigt werden, das funktioniert“. Michael Ehret vom Taxiverband Württemberg rechnete vor: „In der Woche benötigt man sechs bis acht Fahrzeuge, am Wochenende acht bis zehn. Es ist leistbar und es funktioniert.“

Markus Pellmann-Janssen, Head of Sales von IOKI, hörte interessiert zu. „Wir müssen den ÖPNV so attraktiv machen, dass wir auf Verbote verzichten können. Der Kunde wird nicht auf Verbote reagieren und sein Verhalten ändern. Wir müssen einfach attraktiv sein“. 


"Full House" bei TAXI DRIVING INNOVATION: die Fernlicht-Veranstaltung kam sehr gut an

Sixt als Partner des Taxigewerbes?

Die Frage lässt sich wohl derzeit uneingeschränkt mit Ja beantworten. Alexander Sixt, Strategievorstand in dem Unternehmen, bekräftigte: „Mein Ziel ist ja nicht der weltweit größte Taxi-Anbieter zu werden. Das ist ja genau der Unterschied zu uns. Mein Ziel ist ja, vielleicht ein bisschen groß gedacht, der weltgrößte Autovermieter zu werden. So vermessen bin ich dann schon. Aber Taxi-Unternehmer will ich nicht werden!“ Seit dem Frühjahr 2019 vereint die Mobilitätsapp „One“ die Bereiche Rent, Share und Ride. Letzteres ermöglicht die weltweite Buchung von Fahrtdiensten, in Deutschland sind die Taxizentralen der Kooperationspartner.

Damit können Kunden von Sixt in vielen deutschen Städten schnell ihr Taxi bestellen. Da gibt es für das Taxigewerbe keine Hintertüren oder Fallstricke, versichern beide Partner. Auch der Umsatz und die Einnahmen bleiben beim Taxi, lediglich die Kreditkartengebühren werden erstattet.

Für Dr. Tom Kirschbaum, CEO und Gründer von door2door, ist die Lücke zwischen Bussen und Bahnen auf der einen Seite und dem Taxi auf der anderen Seite interessant. Letzteres hat einen sehr hohen Komfort, den bieten Busse und Bahnen nicht. Die entstehende Lücke füllen viele mit dem privaten Pkw. „Beispielsweise sind wir in Hof zusammen unterwegs und überlegen, wie wir attraktive Angebote gemeinsam mit dem lokalen Taxigewerbe machen können.“ Fahrzeuge aus dem Taxigewerbe werden so eingesetzt, dass die Lücke zum ÖPNV geschlossen wird - und der private Pkw überflüssig werden könnte, erläuterte Kirschbaum.


Wir füllen Stadien!


Zahlen können das Salz in der Suppe sein. Und Christian Meyer von der Deutschen Telekom, die die Tagung auch unterstützte, rechnete mit Blick auf das Berliner Olympiastadion vor: „Insgesamt fasst das Stadion 74.500 Menschen. Das Stadion müsste 996 mal voll besetzt sein, um die jährlichen 72 Millionen geschäftlichen Fahrgäste in Deutschland zu symbolisieren. Es müsste 1436 mal voll besetzt sein, um die 107 Millionen Kranken- und Sonderfahrten abzubilden. Und es müsste insgesamt 5.785 mal voll besetzt sein, um alle jährlich beförderten 431 Millionen Personen in der Bundesrepublik darzustellen.“ Beeindruckende Zahlen, die die 250.000 Menschen im Taxigewerbe hierzulande leisten. Übrigens, das war auch zu erfahren: Die Telekom hat weltweit 216.000 Beschäftigte.

Aber das nur am Rande. Bleibt als Fazit: Eine spannende Veranstaltung mit vielen Teilnehmern, die aus den unterschiedlichen Verbänden, Institutionen und Unternehmen Anteil am Taxigewerbe nehmen. Und hoffentlich auch gern und oft mit dem Taxi fahren!

Hinweis: Die Fachzeitschrift "Taxi Times" hat bei TAXI DRIVING INNOVATION erstmals einen Kongreß live auf Facebook übertragen. Den Link hierzu sowie einen interessanten Bericht der Taxi Times mit Videos finden Sie hier

(Meldung vom 30.09.2019)