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Internationales
 

Europäisches Seminar zur besseren Zugänglichkeit von Taxis für behinderte Menschen: Technische Verbesserungen sind möglich, eine volle Zugänglichkeit kann aber kein Standard sein!

Am 31. Oktober 2005 hielt die International Road Transport Union (IRU) und die Konferenz der europäischen Verkehrsminister (CEMT) in Brüssel ein Seminar ab, welches die Erfahrungen und Ansichten der Automobilindustrie in die derzeit erarbeitete gemeinschaftliche Studie beider Organisationen „Zugänglichkeitsverbesserung von Taxis" einfließen lassen sollte. Hauptfrage war, inwiefern die Massenfahrzeughersteller an einem speziell für die behinderten Menschen entworfenen Taximodell interessiert sind.

Von Seiten der IRU-Taxigruppe waren deren Vorsitzender Jean-Paul Gallé aus Luxemburg, der deutsche Vizepräsident Thomas Grätz sowie der belgische Delegierte Kristof Thyssen in die EU-Hauptstadt angereist. Die Position der IRU-Taxigruppe lautet, Verbesserung der Zugänglichkeit ja, aber ein klares Nein zur Maximalforderung, dass in einiger Zeit alle Taxis in der Europäischen Union für die Beförderungen von Menschen vollzugänglich müssen. Auf Bitten des BZP waren der Einladung zu diesem Seminar auch Vertreter der Häuser DaimlerChrysler und Volkswagen gefolgt, ansonsten waren neben Behindertengruppen und vielen Vertretern von staatlicher Seite aus neun europäischen Ländern vor allen Dingen britische Taxihersteller, so die LTI („London-Taxis"), sowie weitere Vertreter von zwölf Umbaufirmen Konferenzteilnehmer.

Die Seminarleiterin von Seiten der CEMT, die hauptamtlich als Abteilungsleiterin im britischen Verkehrsministerium beschäftigte Anne Frye, stellte anfangs die Bedeutung der Beförderungen behinderter Menschen heraus. Schätzungsweise 45 Millionen Menschen in der EU gelten als behindert. Auch wenn keine eindeutigen Zahlen darüber existieren, so wird doch davon ausgegangen, dass rund 7 - 8 % dieses Personenkreises Rollstühle benutzt. Auch wenn die Mehrheit davon in der Lage ist, aus dem Rollstuhl auszusteigen, wenn es um eine Autofahrt geht, so beträgt die Zahl der nicht umsetzbaren behinderten Menschen, die also ein voll rollstuhl-geeignetes Fahrzeug benötigen, doch ungefähr 1,5 - 1,8 Mio. Menschen. Auch wenn damit für die Mehrheit der behinderten Menschen spezielle Standards für vollzugängliche Taxis nicht notwendig sind, würden auch diese Menschen - so die These von Frau Frye - davon profitieren, wenn die Fahrzeuge in ihrem Taxieinsatz behindertengerechte Erweiterungen anbieten könnten. Nicht unbeleuchtet blieb im Eingangsreferat der Hinweis auf die zu erwartende Altersentwicklung: Heutzutage besteht eine Lebenserwartung von 76 Jahren, die bis 2030 auf 81 Jahren steigen wird. Diese Entwicklung hin zu einer älter werdenden Gesellschaft wird unterstützt von der sinkenden Geburtenrate, die von 2,1 Kindern pro Familie in den Nachkriegsjahren auf heute einmal gerade 1,7 abgenommen hat. Alle Prognosen deuten darauf hin, dass im Jahre 2020 die Hälfte aller Menschen in Europa 50 Jahre und älter sein wird. Unwidersprochen blieb die These, dass für diese Menschen der Erhalt der Mobilität ein Schlüssel ist, um Unabhängigkeit und Selbstständigkeit zu wahren. Gerade deshalb, weil die kommenden Alten intelligenter, gesünder und reicher sein werden, ist der ÖPNV - und darin wiederum insbesondere der Taxiverkehr - von zunehmender Bedeutung für die Behinderten- und Altenmobilität, anders herum wird diese Beförderungsform aber auch eine der ganz großen Umsatzfaktoren für die gewerblichen Personenbeförderer.

Technisch wurde herausgearbeitet, dass folgende Modifikationen bereits bei den heutigen Fahrzeugtypen möglich sein könnten: Erweiterung der Breite und Höhe der Rücktüren, farbliche Kontraste an den Türhandgriffen, griffigere Türgriffe, zusätzliche oder verbesserte Beleuchtungen besonders an der Stufe zum rückwärtigen Einstieg. Ebenfalls wurde eine bessere Beleuchtung des Armaturenbrettes gefordert, weil so der Taxameter besser abzulesen sei. Nachdem insbesondere vom Volkswagen-Vertreter Udo Westfal sowie den beiden Mercedes-Vertretern Demetrios Reisner und Philipp Calles (Mercedes-Benz Accessories GmbH) aufgeklärt wurde, dass die Massenhersteller erst bei einer Produktionserwartung von um die 1 Mio. Fahrzeuge überhaupt daran denken können, ein vollkommen neues Modell zu erarbeiten, wurde dann sehr schnell eine wichtige Positionierung herausgearbeitet: Der absolute Markt für Taxifahrzeuge in Europa ist im Vergleich zum gesamten Produktionsvolumen der Massenhersteller sehr klein. Ungeachtet dessen ist aber das Taxi ein sehr wichtiges Transportmittel für behinderte Menschen. Diesen Fahrgästen ist der von dem Taxi gebotene Tür-zu-Tür-Service von ungemein wichtigerer Bedeutung als für nichtbehinderte Menschen. Zwar ist für Rollstuhlbenutzer, die nicht von ihrem Rollstuhl auf den Taxisitz umgesetzt werden können, ein voll rollstuhlzugängliches Fahrzeug von spezieller Bedeutung, damit kann aber wegen der dem (kompletten) Gewerbe nicht zumutbaren Kosten ein vollzugängliches Taxis als Standard nicht verlangt werden. Andererseits sollten aber sowohl in den städtischen wie auch in den ländlichen Gebieten vollzugängliche Fahrzeuge vorhanden sein, was aber nicht notwendigerweise bedeutet, dass alle Taxis in allen Gebieten voll rollstuhlzugänglich sein müssen.

Der Industrie wurden noch einige Hausaufgaben mit auf den Weg gegeben, so sollte noch einmal mitgeteilt werden, inwiefern der Treibstoffverbrauch und damit die CO²-Emissionen ansteigen, wenn ein Fahrzeug einige Zentimeter höher gemacht wird. Im Übrigen sollte doch auch mitgeteilt werden, inwiefern es kostengünstiger sein könnte für den Hersteller, behindertengerechte Zubehörteile bereits in der Produktionslinie anzubringen, statt diese dann möglicherweise teurer nach der Produktion bei speziellen Umbaufirmen nachzurüsten. Insbesondere wurde daran gedacht, dass diese Untersuchungen auch den Aufwand für feste Rampen, eine Faltstufe, Sicherungseinrichtungen für Rollstuhlpassagiere, Schwenksitze und ein auf Induktionstechnik basierendes Verständigungssystem zwischen dem Fahrer und hörbehinderten Fahrgästen einschließen sollte.

Die kommenden Schritte: die Task Force von IRU/CEMT wird noch in diesem Jahr beraten, wie die Seminarergebnisse in die bisherige Erarbeitung der Studie eingebunden werden. Der englische Verkehrsexperte Professor Philipp Oxley wird sodann nach einer weiteren Runde mit der Industrie diese Studie formulieren, die dann sowohl von der IRU-Taxigruppe wie auch innerhalb der CEMT noch einmal eingehend untersucht wird. Wahrscheinlich im Herbst 2006 wird die gemeinsame Studie der beiden europäischen Verbände zur „Zugänglichkeitsverbesserung von Taxis" der Öffentlichkeit vorgestellt.

(Meldung vom 6.12.2005)

   
 

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